Donnerstag, 18. Juni 2009

Von Krähen und Kaninchen

Wenn wir "normal" spazieren gehen, gehen wir an den Main. Aber wenn wir "nur kurz rausgehen", dann gehen wir "zwischen die Häuser". Das ist ein kleiner Park mit Wiesen und Bäumen und Bänken und Glasscherben und unsozialisierten Flexirüden und gruseligen Geschichten und ein paar Spielkameraden - direkt um die Ecke.

Es gibt dort wahnsinnig viele Kaninchen. Im Moment haben die Kaninchen Babys, die sind ungefähr halb so groß wie meine Hand. Habca interessiert das alles ja nicht besonders, aber andere schon, so dass immer wieder tote Kaninchen auf der Wiese liegen. Ein Hundebesitzer ("Tommy-Herrchen") erzählte mir kürzlich, es seien die Krähen, die die Kaninchen angreifen. Da glaubte ich auch zu verstehen, weshalb ich so oft Kaninchen sehe, denen ein Auge fehlt.

Soweit die Vorrede, gestern beobachteten Habca und ich etwas Ungewöhnliches.

Auf der Wiese hüpften zwei Krähen um ein Kaninchen herum, flatterten immer wieder auf, aber liessen nicht ab. Das Kaninchen verschwand nicht, wie gewöhnlich, im Gebüsch, sondern machte geradezu Jagd auf die Krähen, lief immer wieder direkt auf sie zu, so dass sie kurz hochflogen. So ging das Spiel hin und her, und ich hatte einen Verdacht, wieso sich das Kaninchen so seltsam verhielt. Ich schaute mir das Gebüsch hinter ihr mit zusammengekniffenen Augen näher an, und entdeckte tatsächlich mehrere vielleicht fingerlange Kaninchenbabys. Offenbar hatten die Vögel es auf die abgesehen, und die Kaninchenmama versuchte sie zu verteidigen.

Ich nahm Habca ins Fuß und wir näherten uns der seltsamen Szenerie, ich war aber unsicher, was ich tun sollte: Habca die Vögel aufscheuchen lassen? Würde sie verstehen, dass sie das Kaninchen in Ruhe lassen sollte? Die Vögel ablenken? Das Kaninchen erst ins Gebüsch jagen? War es überhaupt gerechtfertigt einzugreifen? Ging es mir darum, dass Kaninchenbabys um einiges niedlicher sind als große Krähen? Wollte ich die Gewalt, wie ein Vogel ein Kaninchenbaby zerhackt, bloß nicht mitanschauen? War das nicht eine ganz natürliche Sache, zumal hier ganz offensichtlich eine Kaninchenüberbevölkerung herrscht?

Ich stand da, und grübelte, Habca neben mir im Sitz, einige Meter von Vögeln und Kaninchen entfernt. Die fanden uns wiederum so seltsam, dass die Situation einfach endete, die Vögel flogen weg, das Kaninchen lief zu seinen Babies und verschwand mit ihnen, und Habca hatte sich ein Lob und einen Keks ob ihrer jagdlichen Standruhe verdient.

5 Kommentare:

BamBams Frauchen hat gesagt…

Souverän gelöst, die "Aufgabe".

Aus manchen Dingen muss man sich wohl raushalten. Auch wenn es schwer fällt und traurig ist. Die Krähen machen auch nur ihren Job. Wär schlimm, wenn sie das nicht täten, oder? Aber in dem Fall ist es ja gut ausgegangen für die Karniggels und für dich.

LG
BamBams Frauchen

Kathrin mit Jamie hat gesagt…

Eine 1+ für die Standruhe, ganz klar :-)

Roki hat gesagt…

Schwere Entscheidungsfindung bei Gassirunde.

Steffi hat gesagt…

Das ist der Zwiespalt, den ich bei jeder Tierdoku empfinde :)

LG
Steffi

Dennis hat gesagt…

Schwierige Fragestellung, da hilft dann oft nur, dem eigenen Bauchgefühl vertrauen und danach zu handeln. Zum gesagten Beispiel: Wilde Hasen sind i.d.R. durchaus in der Lage, sich selbst zu verteidigen, wer schon einmal eine zerrupfte Katze gesehen hat, die sich mit einem Waldhasen angelegt hat, weiss, wofür diese Zähne und Krallen haben.